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Die neue Heintz-Orgel in St. Martin

Die St.-Martins-Kirche mit ihrer exponierten Lage am Nordhang des Lonetales prägt das Ortsbild von Westerstetten. Der Bau gibt sich als Barockanlage zu erkennen und wurde 1721 vollendet. Den Entwurf zum Kirchenbau machte der hervorragende Elchinger Klosterbaumeister Christian Wiedemann (um 1675 bis 1737), der auch erheblichen Anteil am Bau der Klosteranlage Wiblingen hatte. Die Kirche ist nach dem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Turm ausgerichtet. Sie lehnt sich in den Maßen an diesen an, indem die äußere Breite des Schiffes genau doppeltes und die Länge des Schiffes fünffaches Turmseitenmaß haben.



Der Innenraum besticht durch seine Helle und Weite. Die Kirche wurde 1721 nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Auf die Ausmalung der Kirche wurde ebenso verzichtet, wie auf eine Orgel oder ein mehrstimmiges Glockengeläut. Nach und nach wurde die Ausstattung ergänzt und die mit Stuck umrandeten gekalkten Deckenfelder wurden im späten 19. Jahrhundert ausgemalt. So entstand ein Kirchenraum, der den Weg der Kirchengemeinde widerspiegelt.

Von jeher waren Architektur und Kunst - so auch die Orgelbaukunst - Ausdruck ihrer jeweiligen Epoche. So orientiert sich die Gestaltung der Heintz-Orgel an den stilistischen Richtungen und Anschauungen der Gegenwart: das Wesentliche, den Kern einer Gestaltung, herauszustellen - von Nebensächlichkeiten befreit nach dem alten Motto: "Weniger ist mehr". Angesichts der Kirchenraumgeschichte darf man dieses Motto zur Basis der gestalterischen Überlegungen machen.

Allerdings soll die neue Orgel ein Pendant zum Altar bilden und damit unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass die Musik in der Kirche, in der Liturgie, deren Medium die Orgel zweifellos ist, teil hat an der Verkündigung des christlichen Glaubens, dass sie Herzen aufschließt, wo Worte enden.
Gutachten aus dem Jahr 1825 über die Beschaffenheit der 1755 erbauten Briegel-Orgel legt den Grundstein für die Gestaltung der neuen Orgel. Demnach war die erste Orgel auf der oberen Westempore mittig aufgestellt und der Orgelprospekt war an der geschwungenen Form dieser Empore ausgerichtet. Die Heintz-Orgel greift diesen Grundriss auf und das grundrissgleiche Rückpositiv unterstreicht den Bezug zum Hauptwerk sowie die Zweigliedrigkeit der Westemporen.

Auf einen sichtbaren, "harten" Gehäuseabschluss wurde bewusst verzichtet – die Prospektpfeifen nehmen die Wölbung der Kirchendecke auf. Das weiß lasierte, gewachst und gebürstete Tannenholzgehäuse ergänzt die in verschiedenen Weißtönen gehaltenen Westemporen. Das Gehäuse stellt damit keinen Fremdkörper dar; die Anordnung der Labien sorgt für neues Leben und die silbern glänzenden Prospektpfeifen nehmen die jeweils im Kirchenraum vorherrschende Tagesstimmung auf.

Der Standort auf der unteren Westempore lässt ein klassisch aufgebautes Instrument mit Rückpositiv, Hauptwerk und dahinter stehendem Pedal zu. Klanglich lehnt sich das Instrument am süddeutschen bzw. elsässischen Orgelbau des Barock an. Das Rückpositiv ist ein eigenständiges Teilwerk, verfügt über einen kompletten Klangaufbau von den Grundstimmen bis zur Klangkrone (Mixtur) und ist dennoch der "kleine Bruder" des Hauptwerks. Ist der Principal 8‘ des Hauptwerks eher füllig-voluminös, zeichnet sich das Pendant im Rückpositiv durch Schlankheit und einen singenden Ton aus.

Über dem Orgelfuß mit der Spielanlage und den mechanischen Verbindungen erhebt sich das Hauptwerk. Das Hauptwerk bildet das klangliche Rückgrat der Orgel, mit vollständigem Principalaufbau und krönender Trompete. Und schließlich gibt es im Hauptwerk noch ein Register, das besondere Erwähnung verdient, weil es wie kein anderes "weltentrückende" Klänge schafft und dadurch das Mysterium fidei, das Geheimnis des Glaubens, in Töne umsetzt: Die Unda maris (Meereswoge) ist ein "schwebendes" Register, welches leicht tiefer gestimmt ist als die Orgel an sich; ein ganz feiner, ätherischer Klang ist die Folge. In Westerstetten hat dieses Register einen eigenen, lokal geprägten Namen bekommen: Cantus Lunae, der "Gesang der Lone", erinnert an die Schönheit des Lonetales.

Auch ein Zimbelstern bereichert das Instrument. Als Zimbelstern wird ein Nebenregister der Orgel bezeichnet. Ein sichtbar im Prospekt der Orgel angebrachter, vergoldeter Stern, der sich nach Betätigung des Registerzuges zu drehen beginnt. Im Orgelinneren befindet sich ein Windrad, dessen Welle kleine gestimmte Schalenglocken anschlägt. Angetrieben wird das Windrad nach Öffnen eines Ventils mit Wind aus der Orgel. Auf dem Abschluss der Verlängerung der Welle, die durch die große Prospektpfeife hindurchführt, sitzt der sichtbare Zimbelstern.

In dem schmalen Durchgang zwischen Rückpositiv und Hauptgehäuse befindet sich, eingebaut in das Hauptgehäuse und aus dem Kirchenraum nicht sichtbar, die Spielanlage. Auf rein mechanischem Weg werden durch Tastendruck Abstrakten bewegt und Ventile geöffnet, werden die einzelnen Register gezogen oder abgestellt. Die Untertasten mit Tierknochen belegt, die Obertasten, Klaviaturbacken und die gedrechselten Registerzüge aus Ebenholz, die Spielnische aus Eiche, mit Kräuteröl eingelassen – all das ist die Ästhetik eines schönen Arbeitsplatzes.

Die Balganlage und der Orgelmotor wurden in einer isolierten Balgkammer auf dem Dachboden installiert. Der Wind wird aus dem Kirchenraum angesaugt; so ist eine optimale Windversorgung sichergestellt.



Möge die Orgel zum Lobe Gottes und zur Freude der Menschen ein hohes Alter erreichen.

Technische Details

Pfeifen 1.391
Traktur Mechanische Spiel- und Registertraktur
Winddruck 75 mm WS
Temperierung nach Bach-Kellner, a' mit 440 Hz bei 16°
Intonation Orgelbaumeister Klaus Schleinitz
Prospektentwurf Orgelbaumeister Hans-Jürgen Reuschel, Waldkirch

Aktualisiert (Samstag, den 24. Januar 2009 um 15:56 Uhr)

 

Disposition der Orgel


I. Manual – Rückpositiv, C – g'''
1. Ital. Principal 8' Prospekt
2. Holzgedackt 8'
3. Octave 4'
4. Gemshorn 4'
5. Sesquialter II 2 2/3' + 1 3/5'
6. Flageolet 2'
7. Mixtura minor III 1 1/3'
8. Dulcian 8'
Tremulant

II. Manual – Hauptwerk, C – g'''
9. Principal 8' Prospekt
10. Doppelgedackt 8'
11. Viola di Gamba 8'
12. Cantus Lunae 8' ab f°; Schwebung "Unda maris"
13. Octave 4'
14. Traversflöte 4'
15. Quinte 2 2/3'
16. Superoctave 2' aus Nr. 17, eigene Schleife
17. Mixtura major IV 2'
18. Trompete 8'
Zimbelstern

Pedal, C – f'
19. Subbass 16'
20. Octavbass 8'
21. Bassflöte 8'
22. Fagott 16'

Koppeln
I – II  |  Sub II – II  |  I – Ped  |  II – Ped

Aktualisiert (Freitag, den 18. September 2009 um 22:09 Uhr)

 
Orgelbau Heintz
Inhaber Klaus Schleinitz
Vor Eulersbach 57
77761 Schiltach (Schwarzwald)
Telefon 07836 2340
Homepage: www.Orgelbau-Heintz.de
E-Mail: \n Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.

Am Bau der Orgel haben mitgewirkt
Friedhilde Bühler, Klaus Dieterle, Wendelin Dieterle, Luitgard Ginter, Markus Haag, Ulrike Lambrecht, Christian Schleinitz, OBM Klaus Schleinitz, Werner Schmieder und Stefan Schmöller (Zimbelstern).